Markus swap_horiz

Ich habe Angst, mein Zeugnis hier zu veröffentlichen. Denn ich bin ein Mensch, der in einem ergebnisoffenen Prozess und im Nachgehen der Bedürfnisse, die ich in meiner homosexuellen Orientierung erspürt habe, eine Veränderung erlebt hat. Mein Weg ging über Selbsterfahrung, aber auch über psychotherapeutische Reflexion, mit ganz normalen Psychotherapeuten, die mich mit meinen Fragen ernst nahmen. Während meines Weges waren meine Frage nie auf den Gedanken der Veränderung von sexueller Orientierung gerichtet. Ich bin einfach den Konflikten und Fragen nachgegangen, die ich in mir gespürt habe. Auch habe für meinen Weg keine christliche Seelsorge genutzt oder einen christlich orientierten Psychotherapeuten aufgesucht. Vielmehr habe ich meine Frage in meine Lehrtherapie eingebracht oder in Gruppen mit vielen, nicht christlich orientierten, Psychotherapiekollegen. Ich danke diesen Menschen, dass sie mich in meinen Problemen ernstgenommen haben.

Trotzdem bleibt Angst. Denn wenn man heute erzählt, dass man eine Veränderung in seiner homosexuellen Orientierung erlebt hat, dann wird man schnell als "Homoheiler", als "Fundamentalist" oder als "religiöser Spinner" etikettiert. Obwohl ich seit vielen Jahren öffentlich ausgegrenzt und in der Presse gezielt diffamiert werden, ist dies meine Geschichte.

Ich bin kein Fundamentalist und auch nicht homophob, sondern ein Mensch, der bereits im Alter von 5 Jahren spürte, dass er sich zu Jungs in besonderer Weise hingezogen fühlte. Kaum in die Pubertät gekommen, nahm ich Kontakt zu einer Schwulengruppe in meiner Umgebung auf. Dort wurde mir erklärt, dass ich wohl schwul geboren sei. Irgendwie konnte ich das aber nicht glauben. Grund dafür war nicht eine religiöse Erziehung - ich wuchs „heidnisch“ auf - und auch nicht meine moralische Prägung: Drei meiner nächsten Verwandten lebten homosexuell und das war ok. Der Grund für diesen anhaltenden Zweifel entsprang meiner Selbstbeobachtung. Je mehr ich mich in meinem homosexuellen Begehren und Kontakten beobachtete, desto mehr spürte ich, dass es mir gar nicht um eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft ging, sondern um den Wunsch, mich ganz und gar in den Mann zu verwandeln, den ich begehrte.

Diese Selbstbeobachtung widersprach dem, was mir von meinen homosexuell lebenden Freunden erzählt wurde. Vielleicht, so dachte ich, handelt es sich bei mir um eine andere Art der Homosexualität? Eines war mir jedenfalls klar: Ich musste meiner eigenen Wahrnehmung treu bleiben. Das war ich mir schuldig. So setzte ich meine Selbsterforschung fort und erkannte, dass die Wurzel meiner homosexuellen Gefühle mit Selbsthass zusammenhing. Bereits als Kind habe ich mich immer hässlich und unmännlich gefühlt. Eingebläut wurde mir dies in einem familiären Umwelt, in dem Mannsein offen verachtet und verlacht wurde. Ich wurde dort für die Art, wie ich aussah, wie ich aß oder wie ich ging, verspottet - oft vor anderen, was in mir ein Gefühl tiefer Scham hervorrief, das mich wie ein Schatten begleitete.

Als ich diesen Zusammenhang erkannte, wusste ich nur eins: Ich musste diese Scham loswerden. Ob sich dadurch auch meine homosexuellen Gefühle verändern würden, war mir egal. Als ich mit 19 zum ersten Mal über mein gleichgeschlechtliches Begehren mit einem Seelsorger sprach, begann meine „fromme Heilungskarriere“. In unzähligen Gebeten wurde meine Homosexualität geheilt, gebrochen, mein Mannsein gesalbt, die Sünden meiner Vorfahren gebannt u.a.m. Mein eigentliches inneres Leiden, die Geschichte meiner Beschämung, interessierte niemand. Viel lieber ging man von simplen Wahrheiten aus: "Abwesender Vater, starke Mutter!" Was zwar irgendwo stimmte, aber mir nicht bei der Bewältigung meines dringendsten Problems half, der Scham. Da mich die Beschämungen in meinem Leben aber zu einem Menschen gemacht hatten, der sich anpasst und der ohnehin denkt, dass er nichts versteht, habe ich mich auf all diese "Heilungs-" und "Konversionsversuche" eingelassen. Das Ergebnis war negativ. Und so kam ich zum Schluss: Ich muss meinen eigenen Weg finden!

Richtung gab mir dabei allein die Feststellung, dass es Männer gibt, die sich nicht schämen. Bei genauer Wahrnehmung waren das sogar die meisten. Warum, so fragte ich mich, sollte ich es nicht auch verdient haben, ein Mann zu werden, der stolz auf sein Mannsein ist? Warum sollte ich nicht auch auf meinen Körper, mein Aussehen, meine Art Mann zu sein, stolz sein können? Warum musste ich, um mich wenigstens etwas in mir wohl zu fühlen, Sex mit einem anderen Mann? Warum musste ich mich gedanklich immer mit anderen Männer verschmelzen, mir vorstellen, dieser andere zu sein, um einen Augenblick von Scham befreit zu sein? Es muss, so dachte ich mir, doch einen Weg geben, wie ich erleben kann, mich als wertvoll zu erleben!

Aber wo anfangen, wenn man völlig alleine und ohne jede Hilfe unterwegs ist? Ich ließ mich von meinen Gefühlen leiten und begann in Freundschaften zu Männern über meinen inneren Selbstzweifel, meinen Selbsthass und meine abgrundtiefe Scham zu reden. Ich traf Vereinbarungen mit ihnen, dass ich meine Selbstzweifel offen in die Freundschaft einbringen durfte. Auf diesem Weg entdeckte ich, welch großer Schmerz in meiner Scham eingeschlossen war. Mir wurde dabei klar: Ein wenig Lob, ein wenig männliche Bestärkung von anderen konnte diesen Schmerz nicht gut machen. Ich musste lernen, in vertrauten Beziehungen zu Freunden und in der Beziehung zu Gott die Wut zu zeigen, die in diesem Schmerz gärte, und die damit verbundene Trauer auszuweinen. Aber auch das konnte die Scham in mir nicht auflösen.

Erst als ich in eine Freundschaft geriet, in der ich von einem Mann emotional abhängig war, den ich sehr idealisierte, und ich alles tat, damit mich dieser nicht verließ oder von sich stieß, lernte ich durch viele Kämpfe hindurch einen Satz sprechen, der eine tiefe Veränderung in Gang setzte. Ich weiß noch gut, wie ich in dieser Freundschaft alles daran setzte, dem anderen irgendwie zu gefallen. Irgendwann brach ich unter diesen Anstrengungen zusammen und schrie den Satz: „Auch wenn ich kein perfekter Mann bin, habe ich es verdient, dass du mich als Mann wahrnimmst!“ Kaum hatte ich diesen Satz zum ersten Mal gesprochen, schmolz die Scham in mir ab. Es war, als ob ich zum ersten Mal den Weg zu mir selbst gefunden habe. Gleichzeitig ließ die Abhängigkeit zu dem Freund nach und mit ihr auch die erotische Besetzung. Ich fühlte mich frei, irgendwie selbstbewusst, stark, und in mir war das Wissen: Ich habe es verdient, dass andere Männer in mir einen Mann sehen. Jetzt war die Scham in mir zum ersten Mal durchbrochen. Und zum ersten Mal war das nichts, was ich mir einredete. Ich konnte es fühlen. Auf diesem Weg, das wusste ich, musste ich weitergehen.

Je weiter ich auf diesem Weg ging, um so konnte ich meine innere Stärke spüren. Je mehr ich aber meine eigene, innere Stärke spürte, desto mehr konnte ich mich für mich selbst begeistern. An die Stelle des gleichgeschlechtlichen Sehnens trat eine Art Autoerotik. Ich fand mich auf einmal irgendwie begehrenswert. Ein Gefühl, dass ich so gar nicht kannte. Denn immer war der andere Mann schön und vollkommen. Ich dagegen war hässlich, abstoßend. Jetzt aber trieb es mich irgendwie zu mir selbst hin und das war ein richtig gutes und sattes Gefühl.

Sage ich damit: Homosexuelle Menschen würden sich einer Krücke bedienen, um ihr schwaches Ich zu stützen? Das will ich damit nicht sagen. So eine Aussage wäre vermessen, unethisch und anmaßend. Es wäre auch unethisch zu behaupten, dass jeder Mensch, der eine gleichgeschlechtliche Anziehung in sich spürt, diesen Weg genauso gehen kann. Ich bestehe darauf: Das ist mein Weg und meine Geschichte. Natürlich bin ich über die Jahre auch anderen Männern begegnet. Sie erzählten ähnliche Geschichten. Manche von ihnen haben auf ihrem Weg auch, Wachstum in ihrem Selbstwert erlebt. Nicht alle haben aber eine Veränderung der sexuellen Orientierung erlebt.

Wenn ich daher hier meine Geschichte erzähle, dann nicht weil meine Botschaft wäre: Homosexualität ist veränderbar! Mit meiner Geschichte will ich nur sagen: Hör auf dein Herz, hör auf deine Gefühle und denk daran, dass dein Leben nur dir anvertraut ist. Niemand darf darüber bestimmen. Du bist nur dir selbst verpflichtet, darin aber der Wahrheit deiner Empfindungen.

Leider wird dieser hörende Umgang mit der eigenen Sexualität uns von niemand gelehrt. Die Gesellschaft und auch die Kirche schreibt nur vor, wohin man sich zu entwickeln hat. Mit meinem Zeugnisse stelle ich mich aber bewusst gegen diese Vorgaben und trete für das Recht jedes Menschen ein, auf seine innere Stimme zu hören und seiner eigenen Wahrnehmung zu trauen.